Flüchtlingsprojekttag

„Rassismus, Kulturschock, Angst, die Familie nicht mehr zu sehen, Intoleranz, Begegnungen, Einsamkeit, Neugier, fremde Kulturen kennenzulernen, kommt darauf an, ob man gehen wollte oder musste…ich will nicht noch einmal fliehen müssen“ (Aylin, 8a)

Diese Zeilen entstanden im Rahmen des Workshops ‚Darstellendes Spiel‘ und stammen aus der Feder der jungen Initiatorin des Projektages „Flüchtlinge“ am Gymnasium Nackenheim. Nachdem ihr Brief mit dem Appell, sich mit dem Thema, „das uns alle betrifft“, auseinanderzusetzen, von der Schulleiterin Helga Lerch verlesen wurde, bildete sich eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Herrn Benner. Schnell stand fest: Ein ganzer Projekttag soll dem Thema „Flüchtlinge“ gewidmet werden!

Während sich die Klassen 5 und 6 mit Ländern beschäftigten, aus denen Menschen zu uns nach Deutschland fliehen, und sich diese gegenseitig vorstellten, begann der Projekttag für die Oberstufe mit einer Plenumsphase in der neuen Turnhalle. Mitglieder von Amnesty International klärten die Oberstufenschüler über ihre Tätigkeitsfelder auf und informierten sie in Form eines Quiz über Fakten und wichtige statistische Daten zum Thema Flüchtlinge. Die Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I durchliefen verschiedene Stationen, bevor sie ihren Projektnachmittag starteten.

Flüchtlingsprojekt

Flüchtlingsprojekt

In einem Interview berichteten zwei junge Flüchtlinge, die von der Leiterin des Migrations- und Integrationsbüros Ingelheim, Frau Dominique Gillebeert, begleitet wurden, der Klasse 8c über ihre Flucht nach Deutschland. Durch das interaktive und offene  Gespräch wurde deutlich, warum junge Menschen alles hinter sich lassen und sich in ein fremdes Land, das sie oberflächlich aus Erzählungen kennen, begeben. Was die beiden jungen Männer in Deutschland besonders schätzen würden? „Deutsche Technologie, Freundlichkeit der Menschen und die gute Organisation“, antworten die beiden schmunzelnd. Auf die Frage, ob sie aufgrund seines Status‘ schon einmal gehänselt worden sei, antwortete Wahed, der mittlerweile bei einer deutschen Familie lebt, dass ihm die meisten Menschen in Deutschland freundlich begegnen würden. Dabei käme es seiner Meinung nach jedoch stark auf das eigene Verhalten an. Diese Aussage stimmte nachdenklich und erinnerte an die vor kurzem publizierten Worte der libanesischen Schriftstellerin und Aktivistin Joumana Haddad: „Wer du bist, definiert sich dadurch, was du aus deinem Leben machst. Es definiert sich durch die menschlichen Werte, die du verteidigst, und die Entscheidungen, die du triffst.“

Bei der nächsten Station wurde das Gymnasium Nackenheim tatkräftig vom DRK-Ortsverein der VG Bodenheim unterstützt. Feldbetten in das Zelt tragen und möglichst durchdacht positionieren – hier mussten die Schüler mitanpacken! Wolf-Ingo Heers und Leo Weinrauch zeigten den Schülern, wie Flüchtlinge in Zelten untergebracht und versorgt werden. „Wollt ihr für drei Monate in dieses Zelt einziehen?“, fragte Herr Heers die Schülerinnen und Schüler. Die Antwort erfolgte zunächst nonverbal – mit einem betretenen Schweigen. Eisige Kälte im Winter, glühende Hitze im Sommer – doch nicht nur die Witterungsverhältnisse, sondern vor allem die mangelnde Privatsphäre macht den Menschen, die für die erste Zeit provisorisch in Zelten unterkommen, zu schaffen. Im Anschluss darauf erklärte Harald Hösch ausführlich, worauf bei der Verpflegung der Flüchtlinge geachtet wird.

Wie Integration durch Sprache und Lesen gelingen kann, erfuhren die Schüler bei Frau Hösch und Frau Deick. Während der Sichtung der Materialien zum Erlernen der deutschen Sprache und der Lesepakete für Flüchtlingskinder berichtete Frau Deick von ihren persönlichen Erfahrungen als ehrenamtliche Deutschlehrerin der Stiftung Lesen. Die junge afghanische Familie, die sie derzeit betreut, „gehör[e] mittlerweile zu ihrem Leben dazu“. Beendet  wurde der Vormittag mit der dritten Station: „Der Weg der Flüchtlinge zum Asylverfahren“. Peter Spey vom ehrenamtlichen Nackenheimer Arbeitskreis für Flüchtlinge und Asylbewerber, United Nackenheim, beantwortete zahlreiche Fragen der Schülerinnen und Schüler zum Thema „Asylverfahren“, führte mit ihnen eine simulierte Anhörung durch und informierte sie über die Situation der Flüchtlinge in Nackenheim.

Nach einem erlebnisreichen Nachmittag mit Projekten wie „Auf und davon – Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg“ oder „Darstellendes Spiel – Szenische Interpretation von Gedichten zum Thema Flucht“ versammelten sich alle Schüler und Lehrer in der neuen Turnhalle, um den Tag Revue passieren zu lassen und Ideen zur erfolgreichen Integration von Flüchtlingen zu sammeln.

Der Flüchtlingsprojekttag fügt sich als wertvoller Bestandteil in das Wertekonzept des Gymnasiums Nackenheim, das sich vom ersten Tag des Bestehens die Verpflichtung auferlegt hat, mit einem gelebten Wertekonzept ein schulisches Lebensumfeld zu schaffen, das Werte vermittelt, darunter Akzeptanz, Einfühlungsvermögen, Hilfsbereitschaft und Verständnis für andere. Alle Beteiligten machten an diesem besonderen Tag die Erfahrung, dass „das Erlebnis Menschlichkeit das Bewusstwerden bestimmt“.

„Andere Kultur, andere Sprache, anderes Lebens, andere Geschichte – wir Menschen sind nicht alle gleich, verdienen aber die gleichen Menschenrechte“ (eine Schülerin der 8b)